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The Way Forward

05.07.2017
Vorsorge der Zukunft

Rentensysteme im Vergleich: China — Von der „eisernen Reisschüssel“ zum „Kümmer-Gesetz“

Das deutsche Rentensystem steht vor enormen Herausforderungen. Dass es reformbedürftig ist, steht außer Frage. Aber ist es tatsächlich so schlecht, wie viele Kritiker behaupten? Um mehr Neutralität in die Bewertung zu bringen, haben meine Kollegen und ich uns entschieden, im Rahmen einer redaktionellen Reihe die Rentensysteme anderer Staaten im Vergleich zu betrachten. Ich beginne mit der Volksrepublik China – einem Land, das der komplette Gegenentwurf zur Bundesrepublik Deutschland zu sein scheint. Mit 1,37 Milliarden Einwohnern auf 9,5 Millionen Quadratkilometern ist das Reich der Mitte gegenüber Deutschland mit seinen 82,8 Millionen Einwohnern auf 357.375 Quadratkilometern ein Riese. Während wir in einer freiheitlichen Demokratie leben, führt die Kommunistische Partei in China ein autoritäres Regime. Hier herrscht Pressefreiheit, dort Zensur. Doch gerade beim Thema Demografie gibt es Gemeinsamkeiten – und damit auch vergleichbare Herausforderungen. 

Das chinesische Rentensystem

Ursprünglich war das Rentensystem umlagenbasiert und wurde über die regionalen und nationalen Gewerkschaften verwaltet. Das war die Zeit der „eisernen Reisschüssel“, in der die Regierung verlässlich für die symbolische Schüssel Reis im Alter sorgte. Nach dem Untergang der Gewerkschaften im Zuge der Kulturrevolution ging die Verantwortung für die Renten ab 1966 auf staatseigene Firmen über. Als sie wiederum im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik Chinas in den 1980er Jahren geschlossen oder privatisiert wurden, kam es zu Massenentlassungen. Der Aufbau eines neuen Systems war unumgänglich.

Das heutige chinesische Rentensystem besteht aus vier Komponenten:

  • einer für Partei- und Regierungsbeamte, das vollständig durch die Regierung finanziert wird
  • dem „grundlegenden urbanen Rentensystem“, das die Versorgung der Arbeitnehmer der meisten Firmen im städtischen Raum abdeckt
  • dem „neuen ländlichen Rentensystem“, das 2009 als Pilotprojekt aufgesetzt wurde und die Etablierung eines Rentensystems auf freiwilliger Basis in ländlichen Gegenden anstrebt
  • den „urbanen sozialen Renten“, einem weiteren, 2011 initiierten Pilotprojekt, das ebenfalls auf Freiwilligkeit beruht und jene städtischen Arbeiter absichern soll, die nicht im „grundlegenden urbanen Rentensystem“ versichert sind
    Außer dem ersten System handelt es sich um teilweise kapitalgedeckte Systeme. Die Beiträge, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzahlen, werden in einem Fonds aufbewahrt. Die beiden freiwilligen Systeme werden zudem durch die Regierung auf lokaler und zentraler Ebene subventioniert.

Ungleichbehandlung von Stadt- und Landbevölkerung

Was sich zunächst einmal gut liest, funktioniert allerdings nur teilweise. So lag der Schwerpunkt der Reformen der 1980er Jahre zunächst ausschließlich auf dem Aufbau eines urbanen Rentensystems. Die ländliche Bevölkerung blieb auf der Strecke. Das 2009 eingeführte „„neue ländliche Rentensystem“ ist wegen der geringen Auszahlraten wie auch fehlender Transfermöglichkeiten allerhöchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein. Vom „grundlegenden urbanen Rentensystem“ werden wiederum nur 55 Prozent der Stadtbevölkerung erfasst, was nicht zuletzt dem lokalen Fehlmanagement anzulasten ist. Da die Gelder des Fonds zur Auszahlung laufender Renten genutzt wurden, schrumpfte der Topf auf 10 Prozent seines Volumens. Eine vertrauensbildende Maßnahme sieht anders aus.*

Tai-Chi

Der Megatrend Silver Society gilt auch für China

Nach offiziellen Angaben des nationalen Statistikbüros werden im Jahr 2040 329 Millionen Chinesen über 65 Jahre alt sein. Dass es nicht noch mehr sein werden, ist zum einen das Ergebnis der staatlich verordneten, erst 2015 beendeten Ein-Kind-Politik. Zum anderen verlassen gerade viele kluge, gebildete Köpfe mit Gestaltungspotenzial das Land. Der Grund: Die Generation Y tickt nicht systemkonform. Zwar studieren schon seit den 1970er Jahren viele junge Chinesen im Ausland. Bisher kamen aber viele von ihnen nach Abschluss ihres Studiums wieder zurück. Einem Großteil derer, die in der Fremde Kritikfähigkeit gelernt und freiere Umgangsformen erlebt haben, wird jedoch das selbst gewählte Korsett zu eng. Also verlassen sie die Heimat erneut, siedeln sich fern vom Reich der Mitte an und dünnen so die Bevölkerungspyramide weiter aus.

Der 4-2-1-Code

In China ist es traditionell Aufgabe der Jungen, für die Alten zu sorgen. Das bedeutet seit Einführung der Ein-Kind-Politik: Ein Kind muss sich um zwei Eltern und bis zu vier Großeltern kümmern. Das ist angesichts einer zurückgehenden Geburtenrate und einer eindeutigen demografische Entwicklung in absehbarer Zeit nicht mehr darstellbar. Zumal viele junge Menschen weit entfernt vom Heimatdorf Jobs angenommen haben und es gerade einmal im Jahr nach Hause schaffen. Mit dem im Jahr 2013 erlassenen „Gesetz zum Schutz der Rechte und Interessen älterer Menschen“ wird die Tradition zur Pflicht erhoben. Demnach müssen Kinder über 60-jähriger Eltern sie regelmäßig besuchen. Das Freikaufen durch einen monatlichen Finanzbetrag ist nicht gestattet. Die erste Klage kam dann auch schon eine Woche nach Gesetzeseinführung. Die Tochter der 77-jährigen Klägerin wurde prompt zu zwei Besuchen pro Monat und finanzieller Unterstützung verdonnert. Ob das fair ist, sei dahingestellt. Letztlich schindet die Regierung damit Zeit, um neue Systeme und Lösungen – wie das Anheben des Pensionsalters, die Förderung von Pensionsfonds oder die Einführung staatlicher Zuschüsse zur Gesundheitsversorgung – zu etablieren.**

Der Vergleich mit Deutschland

Im – zugegebenermaßen groben – Vergleich zeigt sich deutlich, wie ausgereift das deutsche Rentensystem im Gegensatz zum chinesischen ist. Es fußt auf der gesetzlichen, der betrieblichen und der privaten Vorsorge. Ergänzend bieten Riester- und Rürup-Rente besondere steuergeförderte Anreize im Rahmen der gesetzlichen Vorsorge. Wie man diese Komponenten ideal kombiniert, um im Alter den gewohnten Lebensstandard beibehalten zu können, hängt von der individuellen Situation ab. Und natürlich vom persönlichen Einkommen. Das ist aber in vielen Fällen nicht hoch genug, um angemessen vorsorgen zu können. Weshalb auch deutsche Bürger von Altersarmut bedroht sein können. Angestellte können definitiv mit einer gesetzlichen Rente rechnen. Ob sie zusätzlich eine betriebliche Altersversorgung abschließen, bleibt ihnen überlassen. Selbstständige können sich unter bestimmten Voraussetzungen freiwillig versichern. Darüber hinaus können sie privat wie auch mittels Riester- oder Rürup-Rente vorsorgen. Allerdings macht vielen die schwankende Auftragslage einen Strich durch die Rechnung. Hier stehen Lösungen definitiv noch aus. Eine weitere Baustelle ist angesichts der demografischen Entwicklung unsere umlagenbasierte gesetzliche Rente. Erste Maßnahmen wurden mit Flexi- und Altersrente hier bereits ergriffen. In China ist die Situation ungleich schwieriger. Viele Menschen verdienen immer noch weniger als 500 Yuan (etwa 50 Euro) monatlich. Private Vorsorge? Ausgeschlossen. Die Versorgung durch die Kinder ist auf Sicht kein Rentenersatz. Mein Fazit: Um jedem Menschen in der größten Volkswirtschaft der Welt eine angemessene Rente zu sichern, sind noch viele Reformen nötig. Zudem erfordert dies angesichts der Größe des Landes einen enormen Kraftakt.***

* Quelle: ICCPORTAL, China-Portal für Wirtschaft und Kultur
** Quelle: China Report 2017, Zukunftsinstitut
*** Quelle: https://www.altersvorsorge-heute.de/altersvorsorge-china/

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