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The Way Forward

05.06.2018

Branche der Zukunft

„Man muss natürlich sehen, dass alle Regulierungen auch einen Effekt auf Prämien haben“

Interview mit Prof. Dr. Hato Schmeiser, Inhaber des Lehrstuhls für Risikomanagement und Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen, über zu viel und zu wenig Regulierung, fehlende Qualitätsstandards und die Frage, wie die Regulierer mit Versicherungsvermittlung per digitalem Sprachassistenten umgehen sollen.

 

The Way Forward: Herr Prof. Schmeiser, ist mit der Regulierung in der Versicherungsbranche übertrieben worden?

Prof. Dr. Hato Schmeiser: Ich denke, dass die Stoßrichtung, in eine risikobasierte Solvenzaufsicht zu gehen, grundsätzlich gut war. Aber ich glaube auch, dass man im Projektumfang mit einer Entwicklungszeit von nunmehr 15 Jahren zu weit gegangen ist. Auch wenn ich die Komplexität der IDD (Insurance Distribution Directive) sehe, schießt das doch weit über das eigentliche Ziel hinaus. Die Kunden, die man vorgibt schützen zu wollen, sind im Entwicklungsprozess an keiner Stelle zu Wort gekommen. Tatsächlich müsste man untersuchen, wie viel mehr Sicherheit Kunden wollen und wie es um ihre Bereitschaft, dafür zu zahlen, bestellt ist. Erstaunlich ist zudem, dass in den verschiedenen Regulierungsdokumenten die Ziele sehr unscharf formuliert und damit kaum messbar sind. Das heißt, man kann kaum feststellen, ob das Ziel erreicht worden ist, weil man keine Rahmenbedingungen vorgegeben hat. Somit ist praktisch jede Performance-Messung ausgeschlossen. Dies empfinde ich als sehr problematisch.

 

The Way Forward: Ist der Versicherungsbereich demnach überreguliert?

Schmeiser: „Überreguliert“ ist ein schwieriger Begriff. Aber man muss sehen, dass alle Regulierungen auch einen Effekt auf Prämien haben. Prämien, die der Kunde bezahlen muss. Deswegen finde ich es schon sehr wichtig, den Kunden stärker zu integrieren und zu fragen: Ist ihm beispielsweise eine zusätzliche Dokumentation ein, zwei oder zehn Euro mehr wert? Bei einer Solvenzregulierung wiederum ist die grundsätzliche Stoßrichtung, die Institution des Versicherers zu retten; die Kundenansprüche werden damit erst in einem zweiten Schritt gesichert. Ohne Frage ist ein hoher Sicherheitsstandard für die Solvenz von Versicherungsunternehmen wünschenswert. Wir sind ja nicht an schwarzen Schafen in der Branche interessiert.

 

The Way Forward: Neigt gerade der deutsche Staat dazu, auf die europäischen Verordnungen noch zusätzliche Regulierung draufzupacken?

Schmeiser: Ich glaube, das sind wirklich sehr grundsätzliche Fragen: Ob man einem eher staatlich orientierten System vertraut, das ein Maximum an Regulierung darstellt, oder ob man lieber sehr viel mehr Freiräume mit privaten Anbietern erlauben möchte. In letzterem Fall entsteht eine große Produktvielfalt und damit auch ein Risiko für den Kunden, ein falsches Produkt zu wählen.

 

The Way Forward: Sie lehren ja in der Schweiz. Ist der Versicherungsmarkt dort schärfer oder weniger scharf reguliert?

Schmeiser: Das muss man differenziert sehen: Die Solvenzregulierung in der Schweiz ist sehr tough. Gerade für Lebensversicherer sind die Anforderungen dort höher als unter Solvency II. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von Regulierungen, die wir in der Schweiz nicht haben – insbesondere in Hinblick auf die Versicherungsvermittlung.

 

The Way Forward: Die Schweiz ist kein EU-Mitglied. Trotzdem orientiert sich die Regulierung dort in vielen Dingen an der EU. Warum?

Schmeiser: Schweizer Versicherer generieren ja zwei Drittel ihres Prämienvolumens außerhalb der Schweiz und vor allem auch in der EU. Da will man nicht eine völlig andere Strategie fahren und sich der Gefahr einer Diskriminierung aussetzen. In vielen Bereichen haben wir etwas weniger Regulierung; so gibt es zum Beispiel keine Unisex-Tarife in der Schweiz. Es gibt auch mehr Honorarberater als in Deutschland – das hat sich auch ohne Regulierung etabliert, weil Unternehmen einfach Dinge ausprobiert haben. Der Anteil von alternativen Vergütungsmodellen im Versicherungsvertrieb ist höher, obwohl es dafür keine spezielle Regulierung gibt. Ein großer Schweizer Versicherer bietet zum Beispiel eine sehr aufwendige Vorsorgeberatung individuell zu einem Paketpreis an. Das ist ja im Grunde genommen bereits Honorarberatung.

 

The Way Forward: Beispiel IDD und IDD 2: Geht man richtig mit der Evaluierung der Regulierung um?

Schmeiser: Mein Vorwurf an die Regulierung lautet, dass man kein Monitoring macht. Das Gegenbeispiel ist Großbritannien: Da monitort der Regulierer sehr stark und fragt: „Was sind eigentlich die Effekte der Regulierung, die wir eingeführt haben?“ Das sollten wir viel intensiver tun. Es geht darum, dass man sich ein Ziel vorgibt, an dem man sich auch messen lässt. Und wenn man es nicht erreicht hat, dann muss etwas anders machen und die eingeführte Regulierung zur Seite legen. An dieser Stelle haben wir aber eindeutig eine Achillesferse.

 

The Way Forward: Ist das vielleicht auch eine Frage der deutschen Mentalität, wo Gesetze gleich in Stein gemeißelt und für die nächsten Jahrzehnte gelten müssen, anstatt es einfach einmal auszuprobieren und gegebenenfalls später nachzujustieren?

Schmeiser: Also, mir würde der Mut, es einfach auszuprobieren, zu messen und zu kommunizieren, viel besser gefallen. Als ob irgendjemand in der Läge wäre zu sagen, dass eine bestimmte Maßnahme diese oder jene Effekte hat – da kann man nur Vermutungen haben! Wir müssen es einfach mal ausprobieren. Wenn man aber in viele Regulierungen hineinschaut, etwa in IDD, dann wird erst gar nicht näher ausgeführt, dass es einen empirisch belegbaren Missstand im Versicherungsvertrieb gibt. Und das stört mich sehr! Denn zuerst muss man ja klarmachen: Es gibt einen Missstand – und diesen Missstand kann ich empirisch belegen: etwa, dass es – gemessen an der Gesamtzahl – zu einem erheblichen Anteil von Fehlberatungen kommt. Aber das wird ja gar nicht getan: Man geht mit einer unscharfen Theorie an die Sache heran und unternimmt kein Monitoring – was den Vorteil hat, dass man sich auch keiner Überprüfung stellen muss. Ich denke, das ist etwas hasenfüßig.

 

The Way Forward: Wird in der Finanzbranche weniger konsequent reguliert als in anderen Wirtschaftsbereichen?

Schmeiser: Ich finde schon, dass das in der Finanzdienstleistungsbranche weniger stark ausgeprägt ist als in anderen Branchen. Wenn ich beispielsweise die Automobilindustrie nehme, sehe ich, dass dort handfest geprüft wird. Es gibt dort zahlreiche festgelegte Normen, deren Einhaltung regelmäßig geprüft wird und deren Nichteinhaltung – siehe Dieselskandal – früher oder später ans Tageslicht kommt. Das könnten wir in der Finanzbranche auch. Wir sagen nur immer, dass das bei uns so schwierig ist: Ich finde, da macht man es sich zu leicht. Performance-Messung der Regulierung ist möglich, wenn auch nicht einfach. Nichts zu tun ist auf jeden Fall zu wenig.

 

The Way Forward: Wer profitiert von der Regulierung?

Schmeiser: Viele der politischen Konzepte, welche die Regulierung betreffen, haben durchaus berechtigte Aspekte, die man diskutieren muss. Schwierig finde ich es nur mitunter, wenn immer größere Beratungsmärkte entstehen (wie z. B. bei Solvency II und IFRS), die an einer Verkomplizierung der Prozesse interessiert sind. Unter dem Kundenschutzlabel kann man dafür sorgen, dass so etwas schnell sehr beliebt wird, im Endeffekt geht es dabei aber nur um eine Generierung eigener Aufträge. Wenn ich mir IFRS im Einzelnen anschaue: Dort ist vieles unnötigerweise völlig kompliziert, und dies nährt nur neue Industrien – zulasten der Versicherten, die für all diese Komplexität letztlich zahlen.

 

The Way Forward: Angesichts solcher Entwicklungen wie Bitcoin und Robo-Advice kommt die Frage auf: Ab wann muss eigentlich Regulierung einsetzen?

Schmeiser: Das Schlimmste wäre, Bitcoin zu regulieren, denn dann wäre es den Protagonisten gelungen, digitale Währungen zu einem regulären Zahlungsmittel zu machen. Wo muss Regulierung einsetzen? Bei der Beratung, etwa Robo-Advice. Wo ich schon Bedenken hätte, wäre, wenn digitale Anbieter eine extreme Marktdurchdringung erzielen könnten, wie etwa Google oder Amazon. Wenn also Siri oder Alexa dem Kunden in Zukunft sagt, dass diese oder jene Versicherung wieder fällig wird und ihm drei Angebote macht, die eben auch „side payments“ beinhalten und damit für ihn suboptimal sein können. In jedem Fall lässt sich der Markt dann leicht stark einschränken. Das müsste der Regulierer anschauen und zumindest darauf hinweisen, dass man nicht meinen muss, dies sei eine unabhängige und für den Kunden optimale Beratung. Aber man sollte nicht sofort regulieren, sondern die Entwicklung in diesem Bereich erst einmal verstärkt beobachten.

 

The Way Forward: Herr Prof. Schmeiser, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

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