loader

Wir verwenden Cookies und ähnliche Technologien, um unsere Webseite zu optimieren. Durch die Nutzung der Webseiten erklären Sie sich damit einverstanden.
Weitere Informationen hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

OK

Login

The Way Forward

12.07.2017
Vorsorge der Zukunft

Rentensysteme im Vergleich: Brasilien — „Reforma do caixão” im politischen Chaos

Mit über 200 Millionen Einwohnern ist Brasilien bevölkerungsseitig der fünftgrößte Staat der Erde. Allein diese Information legt nahe, welche Herausforderung ein funktionierendes Rentensystem darstellen muss. Erschwert wird die Aufgabe gegenwärtig durch die aufgeheizte Stimmung in einer zunehmend unzufriedenen Bevölkerung und die daraus resultierende politische Instabilität. Vor diesem Hintergrund müssen die Bemühungen um eine Rentenreform betrachtet werden, deshalb vorab ein kurzer Exkurs:

Brasiliens Politik in der Krise

Nachdem der populäre Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva die angesehene und politisch erfahrene Dilma Rousseff 2010 zu seiner Nachfolgerin erkoren hatte, gewann sie im Folgejahr die Präsidentschaftswahl. Anfangs galt sie vielen Brasilianern als Lichtgestalt. Doch ihr Glanz verblasste rasch. Unter ihrer Ägide schlidderte das Land, das sich unter Lula wirtschaftlich wie sozial positiv entwickelt hatte, in Richtung Rezession. Auch mit der teuren Fußballweltmeisterschaft 2014 und dem Milliardenspektakel der Olympischen Spiele 2016 konnte Rousseff nicht punkten. Beide Großereignisse standen im völligen Widerspruch zu den harten Lebensbedingungen großer Bevölkerungsteile und lösten vielfach Massenproteste aus. Zu Fall brachten Rousseff schließlich die Korruptionsaffäre um den staatlichen Ölkonzern Petrobras und der Vorwurf, sie habe die Zahlen des Haushalts massiv geschönt. Nach ihrer Amtsenthebung im August 2016 übernahm Michael Temer interimistisch das Zepter.

„Reforma do caixão“ stößt auf Unverständnis

Tatsächlich war die Reform des Arbeits- und Rentenrechts eine der ersten Maßnahmen, die Temer in Angriff nahm. Kaum hatte seine Regierung verkündet, dass man das Rentenalter – das für Frauen derzeit bei 55 und für Männer bei 60 liegt – auf 65 erhöhen und die kurze Beitragszeit verlängern wolle, ging ein Aufschrei durchs Land. Die Idee, dass nur derjenige sein volles Gehalt als Rente bekommt, der zuvor 49 Jahre lang eingezahlt hat, brachte ihr zudem den Titel „Reforma do caixão“ (dt.: „Reform des Sarges“) ein. Bis zum Umfallen arbeiten will in Brasilien keiner. Weshalb Mitte März dieses Jahres Arbeiterinnen und Arbeiter in 23 brasilianischen Großstädten auf die Barrikaden gingen. Aktivisten besetzten für mehrere Stunden das Finanzministerium. Der Streik der Metro- und Busfahrer legte ganz São Paulo lahm. „Gekrönt“ wurden die landesweiten Proteste am 26. Juli 2017 durch die Nachricht, dass der Generalstaatsanwalt gegen Michael Temer Anklage wegen Korruption, Behinderung der Justiz und Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation erhoben habe. Mittlerweile steht fest, dass Temer vorerst im Amt bleiben darf. Doch er steht unter Druck. Seine Chancen, Reformen durchzusetzen, stehen schlecht.

Protestierende Brasilianer

Der Status quo

Bislang beruht das brasilianische Rentensystem auf einer Pflichtversicherung. Grundlage bilden dabei ein Generationenvertrag und die Finanzierung über Sozialversicherungsbeiträge und Steuern. Das System unterscheidet drei Gruppen: Arbeitnehmer des privaten Sektors, öffentliche Angestellte und Militärangehörige. Das Instituto Nacional da Seguridade Social (INSS) ist für das allgemeine Rentensystem der privaten Arbeitnehmer zuständig und zahlt derzeit an circa 28 Millionen Personen Renten aus. Das Rentensystem des öffentlichen Sektors, das RPPS (Regime Próprio da Previdência Social), ist dezentral organisiert und unterscheidet zwischen zivilen und militärischen Beamten.*

Reformbemühungen in der Vergangenheit

Schon lange weiß man, dass eine Reform des Rentensystems dringend geboten ist. Der Megatrend Silver Society erfasst mit einiger Verzögerung auch Brasilien. Ansätze zu Reformen gab es denn auch. Sie hatten jedoch weder die erforderliche konzeptionelle Dimension noch die nötige Konsequenz in der Umsetzung. Die erste, 1998 unter der Regierung Fernando Henrique Cardosos, fiel kleiner aus als zunächst geplant: Sie änderte lediglich die Bemessungsgrundlage für das Rentensystem des privaten Sektors und hob das Mindestalter für den Renteneintritt in das Pensionssystem des öffentlichen Sektors an. Die zweite Rentenreform, 2003 zur Regierungszeit Lulas, führte eine Obergrenze für Renten und Pensionen und eine Steuer von 11 Prozent auf den Teil der Renten ein, der über die Höchstrente des INSS hinausgeht. Die Steuer betrifft allerdings de facto nur diejenigen, die eine besonders hohe Vergütung erhalten. Außerdem gelten die Neuregelungen nicht für die Zahlungen an die bereits Pensionierten, die mittelfristig eine hohe Belastung für den Haushalt darstellen werden.*

Demografische Entwicklung

Heute kommen auf 100 Brasilianer im Rentenalter 69 im arbeitsfähigen Alter. In Deutschland sind es noch rund 61, bis 2030 soll dieser Wert aber auf gut 50 zurückgehen. Doch zeitversetzt verläuft die demografische Entwicklung in Brasilien ähnlich wie Deutschland. Der Grund: Durch ein Programm zur Empfängnisverhütung der brasilianischen Regierung sank die Geburtenrate von 6,3 Kindern pro Frau im Jahr 1960 auf 1,9 im Jahr 2010 – also unter den Generationenersatz. Ab 2023, so die Schätzung der Demografen, wird der Anteil der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter fallen – und das vergleichsweise schnell. Was für Brasilien besonders ungünstig ist. In den Industrieländern Europas und Asiens können wenige Berufstätige viele Rentner durchbringen. Hier ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, die arbeitende Bevölkerung durch Bildung, Technologie und eine gute Infrastruktur besonders produktiv zu machen. Brasilien liegt in allen Bereichen zurück und wird die demografischen Verwerfungen stärker spüren.

Töchter des Militärs, Witwen und der Viagra-Effekt

Auch in Brasilien werden Frauen statistisch gesehen älter als Männer, gehen aber schon mit 55 in Rente. Sie stehen damit dem Arbeitsmarkt sehr früh nicht mehr zur Verfügung und belasten den Staat umso länger. Allein das ist irrational. Aber es kommt noch besser. Töchter von brasilianischen Militärs sind zwar begehrte Partnerinnen, aber keiner heiratet sie. Warum auch? Solange sie ledig bleiben, beziehen sie eine lebenslange Pension. Abgeschafft wurde dieses Privileg für die Töchter von Militärs erst im Jahr 2000. Weshalb immer noch ein Drittel der Pensionsausgaben für Brasiliens Militärs an das Heer der unverheirateten Töchter geht. Wenn die Schätzungen stimmen, werden die teuren Soldatentöchter das System noch bis 2080 belasten.** Witwen haben es finanziell betrachtet auch nicht schlecht. Sie erhalten bis an ihr Lebensende fast die komplette Pension des verstorbenen Partners. Dies wirkt sich in Verbindung mit einem anderen Trend extrem ungünstig aus: 64 Prozent der geschiedenen Männer über 50 heiraten eine deutlich jüngere Frau. Mit entsprechend höherer Lebenserwartung. In Brasilien wird das Phänomen als „Viagra-Effekt“ bezeichnet.***

Das Zwei-Klassen-Rentensystem

Wenn etwas in Brasilien Tradition hat, dann die Selbstverständlichkeit, mit der sich die herrschende Klasse persönlich bereichert. Nach dem Ende der Diktatur im Jahr 1988 waren dies die Politiker. Ihnen ist es zu verdanken, dass Beamte in Brasilien geradezu obszön privilegiert sind. Während Arbeitnehmer aus der Privatwirtschaft im Schnitt umgerechnet 125 Euro und maximal 1.300 Euro Rente erhalten, kommen Beamte und Militärs auf durchschnittlich 600 Euro. Gedeckelt ist sie erst bei umgerechnet 10.000 Euro. Das hat zur Folge, dass drei Millionen Pensionäre aus dem Staatsapparat 40 Prozent der gesamten Altersrente kassieren. Die 24 Millionen privaten Rentenbezieher dagegen teilen sich 60 Prozent der Rentenbezüge. Da muss es nicht verwundern, dass es im Land kocht und brodelt. Michael Temer ist in der Bredouille. Er müsste gerade bei seinesgleichen die Schere ansetzen – bei jener „Elite“, die weniger für Altruismus, sondern vielmehr für ihre Bestechlichkeit bekannt ist. So gesehen ist unser deutsches Rentensystem fast schon ein Goldschatz.

* Konrad-Adenauer-Stiftung; Publikation des Auslandsbüros in Brasilien
** Handelsblatt, Oktober 2016
*** Das Investment: „Sex, Drugs & Renten-Chaos“, November 2009

 

Das könnte Sie auch interessieren

Video

Alles, um Vertriebspartner und Kunden Planungssicherheit zu geben

Wie bereitet man sich auf den Brexit vor und wie sehen die konkreten Pläne von Standard Life aus? Was können Altersvorsorge-Sparer angesichts der Turbulenzen an den Aktienmärkten tun? Ist ein Ende der Regulatorik in Sicht oder kommt der Provisionsdeckel doch noch? Im Interview mit Finanzjournalist Andreas Franik steht Christian Nuschele, Head of Sales & Marketing bei Standard Life, zu den genannten Themen Rede und Antwort.

Seite

Vorbereitung für jedes Brexit-Szenario läuft

Lesen Sie den Brief der Geschäftsführung und unser Infoblatt zum Thema.

News

14.11.2018

Unternehmens-News

Wir begrüßen den neuen Inhaber

Erfahren Sie im aufschlussreichen Interview mit Susann McInnes – Chief Executive of Standard Life Assurance LTD and Group Director, Open Business, Phoenix Group – was sich bei Standard Life nach dem Verkauf an Phoenix ändert und wie die Pläne für die Zukunft aussehen – gerade auch für den Standort Deutschland und Österreich.

My Standard Life

Ihr Login zu mehr Komfort

My Standard Life ist Ihr persönlicher Kundenbereich. Hier finden Sie aktuelle Informationen zu Ihren Verträgen.

Passwort vergessen?

Berater­finder

Berater suchen

Finanzberatung geht mit einer hohen Ver­antwort­ung einher. Deshalb sind wir bei der Auswahl unserer Vertriebspartner sehr kri­tisch. Es handelt sich bei ihnen ausschließlich um Finanz­berater, die an keinen Versicherer gebunden sind.

Schnellzugriffe für My Standard Life