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The Way Forward

29.03.2017
Vorsorge der Zukunft

„Mehr auf Inhalte, weniger auf die Verpackung schauen“

Garantien in der Altersvorsorge sind teuer, schwer verständlich und bringen – vor allem bei längerer Anlage – keinen Nutzen für den Kunden. Ganz im Gegenteil erhöhen fest zugesagte Garantien die Kosten der Kapitalanlage und verringern Renditechancen. Das ist das Ergebnis einer Studie, welche die Frankfurt School of Finance & Management (FSF) im Auftrag des britischen Lebensversicherers Standard Life erstellt hat. Über die Erkenntnisse aus der Studie sprach The Way Forward mit Prof. Dr. Olaf Stotz von der FSF, der die Untersuchung durchgeführt hat.

The Way Forward: Herr Stotz, fangen wir hinten an: Wie lautet das Kernergebnis Ihrer Studie?
Stotz: Wir haben uns die Garantiekosten für eine Einmalanlage und einen Beispielkunden angeschaut, der für 15 Jahre 100.000 Euro anlegen will. Die Durchschnittsverzinsung von als sicher geltenden Anlagen, etwa deutschen Staatsanleihen, ist über die Jahre hinweg deutlich gesunken. Die Garantiekosten hingegen, die wir errechnet haben, gehen ab 2008 relativ deutlich nach oben. Diese beiden Kurven sind also eher gegenläufig. Somit lautet das Kernergebnis, dass das Zinsniveau die Garantiekosten am stärksten beeinflusst, und dass die Garantiekosten mittlerweile deutlich über dem Anlagebetrag liegen. Wenn jemand 100.000 Euro anlegt, dann kann ihn das auf Basis der entgangenen Gewinne tatsächlich mehr kosten als den Betrag, den er anlegt.

The Way Forward: Können Sie das bitte an einem Beispiel verdeutlichen?
Stotz: Wenn die heutigen Zinsen für eine 10-jährige Anleihe bei null Prozent liegen, und Sie wollen Ihr Geld zehn Jahre lang sicher anlegen, dann müssen Sie heute 100 Euro investieren, damit sie in zehn Jahren auch 100 Euro herausbekommen. Wenn das Zinsniveau hingegen bei sieben Prozent liegt, erreichen Sie über diesen Zeitraum in etwa eine Kapitalverdopplung. Das bedeutet, Sie müssen nur 50 Euro anlegen, damit Sie in zehn Jahren Ihre 100 Euro sicher zurückbekommen – die restlichen 50 Euro können Sie garantiefrei am Aktienmarkt anlegen; bei dieser Berechnung haben wir die Inflation natürlich außen vorgelassen. Verzichten Sie auf eine Anlage in Anleihen und damit auf die Garantie, können sie die kompletten 100 Euro in Aktien anlegen.

 

„Das Zinsniveau beeinflusst die Garantie­kosten am stärksten.“

Olaf Stotz

 

The Way Forward: Wie verlässlich können Sie Garantiekosten für ein Produkt berechnen, das der Kunde möglicherweise Jahrzehnte lang hält?
Stotz: Wie sich weltweit der Aktienmarkt die nächsten Jahre und Jahrzehnte entwickelt, weiß natürlich niemand. Wir nutzen deshalb umfangreiche Simulationsverfahren, die gute als auch schlechte Entwicklungen für Aktienmärkte in die Zukunft projizieren. In der Rückrechnung gehen wir dann immer vom jeweils aktuellen Wissensstand aus, wir nutzen also keine unbekannten Informationen. Die Garantiekomponente zu berechnen ist einfacher, wir gehen von den jeweils aktuellen Zinsen aus. Als Alternative zur garantierten Anlage nehmen wir ein reines Aktienmarkt-Engagement. Der Unterschied zwischen der reinen Aktienanlage gegenüber der Anlage mit Garantie bildet die Garantiekosten ab. Letztlich hängt die Verlässlichkeit von dem Simulationsverfahren ab; es zeigt sich jedoch, dass dieses recht robuste Ergebnisse erzeugt.

The Way Forward: Was ist denn eine Garantie in der Altersvorsorge dann überhaupt noch wert?
Stotz: Diese Garantie, die viel kostet, ist im Prinzip nur wenig wert. Sie zahlen für etwas, bei dem die Leistung relativ gering ist und der Garantiefall selten eintritt. Zum Vergleich: Wenn Sie einen Fernseher kaufen, sagen wir für 2.000 Euro, wird Ihnen direkt im Laden eine Garantieverlängerung von ein bis zwei Jahren angeboten. Der Preis, den Sie dafür zahlen müssen – vielleicht 50 bis 100 Euro –, ist im Vergleich zum Kaufpreis des Fernsehers relativ gering. Bei den Garantien in der Altersvorsorge ist das ganz anders: Aktuell sind die Garantiekosten relativ hoch, im Prinzip sogar mehr, als was Sie für das Produkt einzahlen. Das wäre analog zum Fernseher etwa so, als ob Sie mehr als 2.000 Euro für die Garantieverlängerung ausgeben. Das wird niemand machen!

The Way Forward: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fernseher kaputt geht, sprich: eine Garantie in der Altersvorsorge greifen muss, um das eingezahlte Kapital zu erhalten?
Stotz: Der Garantiefall ist vergleichbar mit dem Schaden beim Fernseher und wird nicht oft eintreten. Wir haben ausgerechnet, dass er selbst bei einer Anlage in Aktien im niedrigen Prozent-, teilweise sogar nur im Promillebereich liegt. Und je länger die Anlagedauer, desto geringer ist der Garantiefall, wenn er eintritt. Mit anderen Worten: Sie zahlen einen hohen Preis für die Absicherung eines Garantiefalls, der so gut wie nicht eintrifft.

„Sie zahlen einen hohen Preis für die Ab­sicherung eines Garantie­falls, der so gut wie nicht eintrifft.“
Olaf Stotz

The Way Forward: ... und wenn ein Garantiefall eintrifft, ist nicht zwangsweise das ganze Kapital weg.
Stotz: Wenn Sie etwas verlieren, dann vielleicht 10 bis 30 Prozent. In der Vergangenheit sind diese Fälle umso seltener eingetreten, je länger Sie angelegt haben. Dementsprechend ist das für jemanden, der langfristig anlegt, ein vernachlässigbares Risiko.

The Way Forward: Warum ist das Thema „Garantiekosten“ wieder stärker in die öffentliche Wahrnehmung gerückt?
Stotz: Das Thema war sehr stark vernachlässigt, hat aber in verschiedenen Bereichen wieder mehr Aufmerksamkeit erreicht – ob Sie jetzt Lebensversicherungen nehmen, die Garantieprodukte einstellen, oder Bausparkassen, die eine garantierte Verzinsung auf einen Bausparplan zugesagt haben und jetzt Altverträge kündigen.. Das heißt, dass sich jetzt in Zeiten der Niedrigzinsen die Vorteile der Garantien sozusagen in einen Nachteil umkehren. So lange das Zinsniveau in einem normalen Bereich liegt – sagen wir bei einer Umlaufrendite von vier Prozent –, sind auch die Garantiekosten nicht so hoch, dass sich der Anleger große Gedanken machen muss. Wenn man sich allerdings das Zinsniveau ab 2008 und insbesondere ab 2011 betrachtet, als die Verzinsung deutscher Staatsanleihen unter zwei Prozent gesunken ist, springt so eine Garantiekostenkomponente deutlich an. Und seitdem haben sich auch die Problemberichte über Versicherungen und Bausparkassen verstärkt.

 

„Es wäre gut, wenn sich diese Denkweise – ich muss ein Risiko eingehen, um et­was zu bekommen – zumindest in Ansätzen durchsetzte.“

Olaf Stotz

 

The Way Forward: Was sollte geschehen, damit Anlegern die wahren Kosten einer Garantie klarer werden?
Stotz: Wenn einem Kunden eine Anlage empfohlen wird, ist es oft noch so, dass er sich für oder gegen die Anlage entscheidet, etwa einen Bausparplan oder einen Fonds. Der Vertrieb ist von daher noch sehr produkt-, weniger konzeptlastig. Noch werden die Anlageoptionen weniger von ihrer Risiko- und Asset-Klassen-Seite betrachtet, sondern nach ihrer Hülle beurteilt: Ist es eine Versicherung, ein ETF oder ein Fonds? Wenn man sich aber mehr Gedanken darüber macht, was in dem Produkt drinsteckt, als über die Hülle, könnte man sich auch viel leichter für eine der verschiedenen Optionen entscheiden. Dann kann man die Ertrags- und potenziellen Risikoszenarien miteinander vergleichen und eine Art Preis-Leistungsverhältnis erstellen. Also mehr auf die Inhalte, weniger auf die Verpackung schauen.

The Way Forward: Der Anleger will aber bei allem kein Geld verlieren!
Stotz: Ja, wenn er das nicht möchte, dann wird er auch kein Geld gewinnen. Nur wenn Sie ein gewisses Risiko eingehen, können Sie auch Mehrertrag erzielen. Letztendlich zeigt die Garantiekostenstudie ja das Gegenteil: Wenn ich viel Garantie haben will, muss ich auf etwas verzichten, eben auf Rendite. Wenn sich aber die Denkweise – ein Risiko wird über eine Mehrrendite entlohnt– zumindest in Ansätzen durchsetzte, wäre das gut. Momentan ist der Ansatz leider, sich nur auf die Risikoseite zu fokussieren und ein Preis-Leistungsverhältnis gar nicht erst zuzulassen.

Der Artikel gibt die Meinung des Autors/der Autorin wieder.

 

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